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Stadtumbau: Ein Großprojekt nimmt Formen an

10.04.2020

Artikel der Gelnhäuser-Neue-Zeitung vom 04.04.2020 - Seite 27

 

Stadtplanerin Ulrike Hesse erklärt den Umbau des ehemaligen Wächtersbacher Brauereigeländes

 

Von Dieter Geissler

 

Wächtersbach. Das Coronavirus überlagert in diesen Tagen natürlich auch in Wächtersbach alle erdenklichen Lebensbereiche dennoch gibt es hier anderweitig positive Entwicklungen, die durchaus eine Erwähnung wert sind. Nachdem, die Stadtverwaltung in das renovierte Schloss eingezogen ist, rückt jetzt die Neugestaltung des ehemaligen Brauereiareals in den Blickpunkt. Dort ändert sich gerade das Stadtbild nachhaltig.

 

Die Szenerie ist geprägt von großflächigen Abrissarbeiten der alten Brauereigebäude, die Platz schaffen sollen für eine strategisch angelegte, stadtplanerische Neukonzeption der Strukturen rund um das Schloss. Für dieses mit öffentlichen Förderprogrammen unterlegte Projekt Stadtumbau zeichnet seit über vier Jahren in Abstimmung mit den städtischen Gremien das Darmstädter Architektenbüro Rittmannsperger verantwortlich. Dessen zuständige Projektleiterin, Ulrike Hesse, äußert sich aus gegebenem Anlass zum aktuellem Stand der Dinge.

 

GNZ: Frau Hesse, auf dem Areal des ehemaligen Brauereigeländes finden großflächige Abrissarbeiten statt. Was wird dort alles genau entkernt und welches Zeitfenster ist dafür zumindest ungefähr vorgesehen?

In der Tat verändert sich auf dem Gelände am Ortseingang Wächtersbachs vieles. Es ist eine Fortführung der großen Abbruchmaßnahme, die mit dem Rückbau des Sudhauses und der Biertanks hinter dem Marstall begann. Die Veränderung ist nicht weniger als der sichtbare Strukturwandel nach Schließung der Brauerei. Alle nicht nutzbaren Bestandteile der ehemaligen Brauerei (Gewerbehallen, technische Anlagen) werden fachgerecht zurückgebaut und ordnungsgemäß entsorgt. Damit werden auch die denkmalgeschützten Gebäude wie zum Beispiel der Marstall wieder in ihrer historischen Substanz freigelegt. Mit allen Maßnahmen zusammen können circa 13 Hektar innerstädtischer Industriebrache revitalisiert werden. Die Aktivierung dieser Flächenressourcen erlaubt es, die Altstadt im Zusammenspiel mit dem historischen Schloss und Park weiterzubauen und ein durchmischtes Wohnquartier mit Bereichen für Verwaltung, Dienstleistung und Gewerbe zu initiieren und in die Stadt zu integrieren.

Wir sind bemüht, die Arbeiten so schonend für die Nachbarn wie möglich durchzuführen und die Rückbauzeit kurz zu halten. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Betroffenen für die Geduld bedanken. Innerhalb der nächsten zwei Wochen sollen die Arbeiten dann auch abgeschlossen sein.

 

Wie viele Firmen sind derzeit auf der Baustelle tätig ?

Im Rahmen der Abbrucharbeiten ist lediglich eine Firma involviert, wodurch sich die Organisation relativ überschaubar gestaltet. Bei den Neubauten wird das dann anders aussehen, wobei sich das jetzt noch nicht genau quantifizieren lässt.

 

Kann die Stadt für dieses Großprojekt Förderprogramme in Anspruch nehmen?

Die Rückbauarbeiten werden durch die Europäische Union massiv unterstützt. Sie beteiligt sich im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung hälftig an den investiven Kosten. Der Name der Förderung ist hier Programm: Revitalisierung von Siedlungsbereichen. Die technisch bereits erschlossene Fläche soll im Sinne eines geringen Flächenverbrauchs erneut genutzt werden. Dies ist ein bundesweites Grundprinzip und eine Verpflichtung für alle öffentlichen Entwicklungsträger. Bevor neue Siedlungsflächen am Stadtrand ausgewiesen werden, müssen zuerst die Restflächen innerhalb des bestehenden Stadtbereichs entwickelt werden, wo das möglich ist. Das ist ein verantwortlicher Umgang mit dem knappen Gut Fläche.

 

Nach dem Abriss kommt der Aufbau: Könnten Sie bitte möglichst kompakt für uns skizzieren, welche künftige Infrastruktur dort entstehen soll? Unter anderem geht es ja dabei auch um die Schaffung von Parkmöglichkeiten für städtische Mitarbeiter und Besucher des Rathauses sowie der Schlossgastronomie ...

Im südlichen Bereich der historischen Gebäude um den Schlosshof sind Einheiten für Dienstleistungen und Gewerbe vorgesehen, im nördlichen Bereich wird ein durchmischtes Wohnquartier geplant. Dazwischen ist Raum für ein Altstadtparkhaus. Es greift die Kubatur des ehemaligen Kuhstalls auf – nur dass hier in Zukunft Autos eingestellt werden. Mit den Parkplätzen auf zwei Etagen kann die Stadt zum einen den Stellplatzbedarf des Rathauses decken, aber auch für Besucher der Stadt eine zentrale Parkmöglichkeit und für die Altstadt Entlastung in den Abendstunden bieten. Wir haben auf vielen Bürgerbeteiligungen dieses Projekt vorgestellt und erläutert. Es fand immer wieder großen Anklang. Aktuell wird die Fassadengestaltung gemeinsam mit den Architekten entwickelt. Auf dem Dach soll eine große Solaranlage umweltfreundlichen Strom für Elektroladesäulen liefern. Wie viele Elektroladesäulen auf dem gesamten Gelände eingerichtet und versorgt werden können, prüft die Stadt parallel.

 

Glauben Sie als Stadtplanerin daran, dass das Projekt Stadtumbau in Wächtersbach zu einer Wiederbelebung der Altstadt führt? Hierzu gibt es ja durchaus auch kritische Einschätzungen.

Dazu gibt es ein klares Ja! Ich kann in der Beratung vor Ort zu den beiden Förderprogrammen „Anreizprogramm“ und „Lokale Ökonomie“ bereits heute eine deutliche Bewegung feststellen und hoffe, dass noch viele Eigentümer und Gewerbetreibende folgen werden. Beide Programme flankieren quasi die Investitionen der öffentlichen Hand im Stadtumbau. Im „Anreizprogramm“ können Sanierungsvorhaben privater Hauseigentümer mit bis zu 20 000 Euro unterstützt werden. Dazu gehört eine kostenfreie Beratung zu Fragen der städtebaulichen Einfügung und der förderrechtlichen Belange durch unser Büro.

Das europäisch hinterlegte Programm der „Lokalen Ökonomie“ richtet sich an investitionswillige Gewerbetreibende im unmittelbaren Kernbereich. Hier können Zuschüsse zur Ladenausstattung, zu Maschinen, zu Kassensystemen und vielem mehr bis zu 25 000 Euro gegeben werden. Wir haben bereits die ersten Anträge in Vorbereitung und möchten bis Ende 2021 hier möglichst viele Projekte unterstützen. Die Beratung wird auch aktuell, nur eben telefonisch, durchgeführt.

Warum wird Wächtersbach langfristig von der Neugestaltung des ehemaligen Brauereiareals und vom Stadtumbau generell profitieren?

Der Stadtumbau rückt den historischen Stadtkern Wächtersbachs wieder ins Zentrum. Mit Nutzung des fürstlichen Schlosses als öffentliches Rathaus wird es eine deutlich höhere Kundenfrequenz in diesem Bereich geben. Davon kann auch die Altstadt profitieren: Wenn diese mit aufenthaltswerten Plätzen und schönen Straßenzügen aufwartet, sind hier auch wieder mehr Geschäfte und Cafés vorstellbar. Mit dem angrenzenden Schlosspark ist ein Potenzial der Erholung und des Erlebens vorhanden. Zeitgemäßer Wohnraum in dieser attraktiven Lage kann junge Familien anlocken und wird damit auch der Altersmischung in der Altstadt guttun. Eine Entwicklung auf dem Brauereiareal stellt keine Konkurrenz her, sondern eine belebende Ergänzung zum unersetzlichen historischen Bestand.

Als Stadt auf der Grenze vom Ballungsraum zum ländlichen Raum muss sich Wächtersbach gut aufstellen. Viele Städte der Region haben bereits ihre Altstädte und Sehenswürdigkeiten auf Vordermann gebracht und zu einem Tourismuspunkt entwickelt. Die Kette der historischen Städte im Main-Kinzig-Kreis kann Wächtersbach nach dem Stadtumbau mit Altstadt, Schlossareal und Schlosspark um ein ganz eigenes Element bereichern.

 

Foto: A. GEISSLER